Berlin, den 30. Oktober 2026 – Anlässlich der Beratungen zum Referent*innenentwurf zur Elterngeldreform
Sophie Schwab, Geschäftsführerin des Zukunftsforum Familie e. V. (ZFF) erklärt:
„Wir sehen im aktuellen Referent*innenentwurf zur Elterngeldreform Licht und Schatten. Wir begrüßen ausdrücklich, dass die ursprünglich geplante Kürzung von 14 auf zwölf Elterngeldmonate vom Tisch ist. Auch das neue 4-6-4-Modell, das jedem Elternteil vier Monate reserviert, setzt wichtige Impulse für eine partnerschaftlichere Aufteilung der Sorgearbeit.
Aber Partnerschaftlichkeit darf keine Frage des Geldbeutels sein! Wer möchte, dass sich beide Elternteile gleichermaßen um ihre Kinder kümmern, muss auch die finanziellen Voraussetzungen dafür schaffen. Genau hier bleibt der Entwurf weit hinter unseren Erwartungen zurück.
Zwar wird das Elterngeld erstmals seit 2007 erhöht. Doch die Anhebung des Mindestbetrags von 300 auf gerade einmal 330 Euro gleicht nicht einmal den Kaufkraftverlust der vergangenen Jahre aus. Das ZFF fordert deshalb ein Mindestelterngeld von 506 Euro und deutlich bessere Leistungen für Familien mit geringen Einkommen.
Auch die geplante 50/80-Prozent-Regel ist nicht zu Ende gedacht. Wenn die sechs frei verfügbaren Elterngeldmonate im Gegensatz zu den reservierten nur mit 50 Prozent des vorherigen Einkommens ersetzt werden, können sich gerade Familien mit wenig Geld diese Monate häufig nicht leisten. Was als Gleichstellungsanreiz gedacht ist, droht damit zum Privileg für Besserverdienende zu werden. Hinzu kommt die geplante Abschaffung des Partnerschaftsbonus. Statt dieses wichtige Instrument zur partnerschaftlichen Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu vereinfachen und weiterzuentwickeln, wird es ersatzlos gestrichen.
Die vorgeschlagene „Dynamisierung“ hat einen weiteren gravierenden Konstruktionsfehler: Wenn der erhöhte Einkommensersatz von 80 Prozent ausschließlich für die vier reservierten Monate gilt, entsteht kein Anreiz für eine tatsächlich paritätische Aufteilung der Sorgearbeit. Im Gegenteil: Das Modell setzt einen finanziellen Anreiz dafür, dass Väter lediglich ihre vier reservierten Monate nutzen, während die flexiblen Monate weiterhin überwiegend von Müttern übernommen werden. Das Ziel einer gleichberechtigten Aufteilung der Sorgearbeit wird damit faktisch aufgegeben.
Weiterhin bedeutet das unterm Strich für Mütter eine Kürzung ihrer Elterngeldbezüge, wenn vier Monaten mit erhöhter Rate sechs Monate mit niedriger entgegenstehen. Die Kürzungsagenda wird so wieder auf dem Rücken von Frauen ausgetragen.
Die grundsätzliche soziale Schieflage des Elterngeldes bleibt bestehen: Wer vorher viel verdient hat, erhält mehr Unterstützung. Wer wenig verdient hat, bekommt wenig – obwohl die Sorgearbeit dieselbe ist. Warum sollte die Betreuung eines Kindes weniger wert sein, nur weil seine Eltern weniger verdienen? Langfristig fordert das ZFF deshalb ein einkommensunabhängiges ElternGerechtigkeitsGeld, das Sorgearbeit unabhängig vom vorherigen Erwerbseinkommen gleichwertig anerkennt.
Besonders problematisch ist, dass die Reform weiterhin auf Einsparungen von rund 1,3 Milliarden Euro jährlich abzielt. Gleichstellungspolitik darf nicht zum Feigenblatt für Haushaltskonsolidierung werden! Zumal die geplanten Kürzungen beim Elterngeld nicht isoliert betrachtet werden dürfen: Mit der geplanten Streichung des Kindersofortzuschlags und Einschränkungen beim Wohngeld drohen sich die finanziellen Belastungen gerade für Familien mit geringen Einkommen weiter zu verschärfen.
Es ist für uns schlicht nicht nachvollziehbar, dass die Bundesregierung weiterhin ausgerechnet bei der Unterstützung von Familien sparen will. Gleichzeitig werden Milliarden für wenig zielgenaue Entlastungsmaßnahmen wie einen erneuten Tankrabatt mobilisiert. Statt Sozialleistungen zu kürzen, sollte die Bundesregierung endlich klimaschädliche Subventionen abbauen, krisenbedingte Übergewinne wirksam besteuern, extrem große Vermögen stärker in die Verantwortung nehmen und Steuerhinterziehung konsequent bekämpfen. Mit einer Umverteilung von oben nach unten ließe sich das Elterngeld endlich grundlegend verbessern, statt es unter dem Deckmantel der Gleichstellung zu kürzen.
Und schließlich: Echte Beteiligung der Zivilgesellschaft sieht anders aus! Den Verbänden nicht einmal 48 Stunden für die Prüfung und Kommentierung eines derart weitreichenden Reformvorhabens einzuräumen, ist völlig unangemessen. Wer ernsthaft auf die Expertise der Zivilgesellschaft setzt, muss ihr auch die Zeit geben, sich fundiert einzubringen. Solche Verfahren schwächen demokratische Beteiligung, statt sie zu stärken.“
Weitere Informationen:
Das Positionspapier des Zukunftsforum „Das Elterngeld – Schlüssel für ein gleichberechtigtes Familienleben“ finden Sie hier